DM2RM - Shinkansen - Testfahrt

Vom Modelleisenbahner zum Shinkansen Express Lokführer

Anfang der 1980er Jahre, ich war etwa zehn Jahre alt, bekam ich von meinen Eltern eine Modellbahn in Spurweite TT. Ich wuchs an der Hauptstrecke Güstrow/Mecklenburg–Neubrandenburg auf, und damals fuhren noch regelmäßig Dampflokomotiven an unserem Dorf vorbei. Ihre Technik und Kraft faszinierten mich so sehr, dass ich oft schon am Geräusch erkannte, welche Lok gleich erscheinen würde.

Von Elektronik verstand ich damals kaum etwas. Deshalb fragte ich einen Lehrer, ob er für meine Modellbahn eine Anfahr- und Bremssteuerung bauen könnte, die den Bewegungen echter Züge ähnelte. Als er mir das fertige Gerät – einen Kasten mit Schaltern und Potentiometer – in seinem Vorbereitungsraum übergab, entdeckte ich weitere mysteriöse Kästen. Auf meine Frage, was das sei, schaltete er einen Apparat ein. Aus dem Kopfhörer kamen Rauschen und Morsezeichen. „Willst mal reinhören?“, fragte er – und damit war meine Faszination für die Funkwelt geweckt.

Auf Kurzwelle nannte er sich „Rudi“, in Wahrheit hieß er Rudolf und funkte unter dem Rufzeichen Y22OB, früher DM2BOB. Neben meiner Modellbahn bekam nun auch ein russischer Empfänger aus einem 10RT-Panzerfunkgerät einen Platz in meinem Zimmer. Bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) lernte ich Morsen und die grundlegende Betriebstechnik des Amateurfunks.

Bald wurde ich Kurzwellenhörer (SWL) mit dem Rufzeichen Y2-EA-19202-B34 und konnte meine ersten QSL-Karten verschicken. Die Kurzwelle öffnete mir eine Welt, in die man zu dieser Zeit nicht reisen konnte. Später stand bei meinem Lehrer im Vorbereitungsraum in der Schule sogar eine Modellbahnplatte – beide Hobbys hatten sich gegenseitig befruchtet.

Ich verfolgte diese Hobbys über viele Jahre parallel. Eines davon sollte schließlich mein Beruf werden: die Eisenbahn. Meine Lehre absolvierte ich im Betriebswerk Güstrow als „Schienenfahrzeugschlosser mit Qualifizierungsrichtung Triebfahrzeugführer“, wie der Beruf bei der Deutschen Reichsbahn damals hieß. Doch die Wendezeit veränderte alles. Die Ausbildung wurde an westdeutsche Standards angepasst, und mein Ziel, Lokführer zu werden, rückte zunächst in die Ferne.

1992 warben uns schließlich die Deutsche Bundesbahn für eine Laufbahnausbildung zum Lokführer nach Hamburg ab. Eine Verbeamtung stand im Raum, doch mit der Privatisierung der Bahn änderte sich erneut vieles. Dennoch durfte ich als junger Lokführer bald nicht nur Nahverkehr und Güterzüge, sondern auch Intercitys fahren – von Hamburg nach Köln, Frankfurt, Würzburg oder bis nach Padborg in Dänemark.

2006 kam eine ungewöhnliche Anfrage: DB International suchte Lokführer für ein Hochgeschwindigkeitsbahnprojekt in Taiwan, Englischkenntnisse vorausgesetzt. Wieder half mir mein zweites Hobby, der Amateurfunk, denn das Bewerbungsgespräch fand komplett auf Englisch statt – zu Signalen, Lokomotiven und Sicherungstechnik. Obwohl Eisenbahn-Fachenglisch etwas anderes war als der Funkjargon, bestand ich das Auswahlverfahren. Kurz darauf klingelte das Telefon: „Wann können Sie kommen und bei uns anfangen?“

In Taiwan entstand zu dieser Zeit eine völlig neue Hochgeschwindigkeitsstrecke von Taipeh im Norden bis Zoujing nahe Kaohsiung im Süden. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus mehreren europäischen Ländern lernten wir Vorschriften und Regelwerke – alles in englischer Sprache.

Der erste Blick auf einen Shinkansen aus nächster Nähe war ein Kindheitstraum: Diese Züge hatten mich immer fasziniert, und nun sollte ich sie selbst fahren.

Wir bewiesen schnell, dass auch wir sekundengenau und präzise fahren konnten, und brachten sogar das in Deutschland entwickelte „energieeffiziente Fahren“ erfolgreich ein.

Auf der Strecke verkehren modifizierte Triebzüge der japanischen Serie N700, in Taiwan als Shinkansen 700T. Die gesamte Infrastruktur ist erdbebensicher gebaut und mit modernen Detektorsystemen ausgestattet, die Unregelmäßigkeiten früh erkennen und den Betrieb automatisch steuern. Heute zählt die Taiwan High Speed Rail Corporation zu den pünktlichsten Eisenbahnsystemen weltweit – auch dank europäischen, insbesondere deutschen Know-hows. Folgende Bilder zeigen den Workshop in Zoujing und das Depot.

Ich erinnere mich noch besonders an folgende Begebenheit.
Den 24. Dezember 2006 verbrachten wir im Restaurant „Railway to Galaxy“ in der Nähe der Stadt Chunghua. Vom hochgelegenen Restaurant ist die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke von Taipeh nach Zoujing gut einsehbar.

Unsere Kollegen haben an dem Tag auf der Brücke den Shinkansen extra abgebremst und beschleunigt, was die Besucher im Restaurant richtig toll fanden. Zu der Zeit waren es ja noch Testfahrten. Später fuhren wir dort mit 300 km/h vorbei.

In Taiwan selbst fehlte leider die Zeit, um von dort aus Funkbetrieb durchführen zu können. Selbst durfte man keine Station fest aufbauen und hätte nur in einer Klubstation funken können. Aber bei der vielen billigen Elektronik war ein Funken im städtischen Bereich auch schwer möglich.

73, de Ronny Mang, DM2RM